Eine der großen Fragen des Abends sollte sein, ob der Franzose seine gigantische Outdoor-Show auch in verhältnismäßig kleine Hallen übertragen kann. Klanglich bestanden da weitaus weniger Zweifel. Aber würde Jarre die Konzertbesucher mit rein instrumentaler Musik, verschanzt hinter Bergen von Technik über 90 oder sogar 120 Minuten unterhalten, gar faszinieren können? Um es vorwegzunehmen: Ja!
Schon das Erscheinen von einem der berühmtesten Live-Acts der Welt (bereits Ende der 70er Jahre trat er bei einem Open Air vor einer Millionen Menschen auf, in den 90er Jahren setze er gigantische Konzerte in Paris oder Moskau mit jeweils über 2 Millionen Menschen mehr als nur eindrucksvoll in Szene), gut eine halbe Stunde nach dem geplanten Start, war im Stile des "Walk In" bei einem Boxkampf inszeniert. Jarre betrat die Arena von der der Bühne gegenüberliegenden Tribüne, lief durchs Publikum, schüttelte Hände, reckte immer wieder die Faust in die Luft und winkte den applaudierenden Fans zu. Zu Jarres Auftritt ließ der leicht bedrohlich klingende Bass aber schon erahnen, dass hier gleich kein Minimalisten-Elektro der Marke Kraftwerk geboten wird, sondern der Franzose das Maximum an Sound aus den zahlreichen Synthesizern herausholen würde.
Ein wesentlicher Bestandteil der Konzerte des Franzosen ist natürlich die Show. Schön zu sehen, wie hier nicht nur die Leinwand im Hintergrund in pink, gelb, grün oder rot erstrahlt, sondern die Lasereffekte die ganze Halle als Projektionsfläche verwenden. Neben den Farbenspielen begleiten auch vereinzelte Animationen auf der Leinwand die Songs. Mal geht es im Steilflug über ein animiertes Mischpult, dann wird man von zahllosen Figuren und Augen des "Equinoxe"-Covers angestarrt.
Der volle Umfang der Lightshow wird einem erst zu Hause beim Durchsehen der zahlreichen Youtube-Videos deutlich. Die Faszination des Zusammenspiels von Licht und Musik, dazu die nahezu die gesamte Halle füllenden Effekte - am Eindrucksvollsten gelingt dies Jarre vielleicht bei dem Stück "Rendez-Vous 4".
Mit dem mittlerweile fast 62jährigen Jarre - mit Turnschuhen, schwarzem Hemd und Hose bekleidet - befanden sich drei weitere Musiker zur Unterstützung und Bedienung der vielen technischen Geräte auf der Bühne - und gemeinsam zelebrierten sie bombastischen Elektro-Sound. Mit der Lautstärke das ein oder andere Mal an der Grenze des Angenehmen, spielt sich der Franzose durch seine mehr als dreißigjährige Schaffensphase. Gelegenheitshörer und beiläufig Interessierte werden zwar die Stücke kaum einmal namentlich benennen können, meist war aber eine Zuordnung in Richtung "Oxygene" (mit dem prägnanten Zischen), "Magnetic Fields", "Equinoxe" oder "Chronologie" ohne Weiteres möglich. Und Songs, vielmehr Klanglandschaften, aus diesen Zyklen machten den Großteil der Setlist aus, die - angereichert durch "Rendez-Vous", "Revolutions" und ein paar eher unbekannte Tracks - kaum einen Wunsch offen ließ. Jeder Song erreichte die Zuhörer sowohl optisch als auch musikalisch. Als ein Meister der Inszenierung zeigte sich Jarre auch beim Spielen der berühmten "Laser Harp" - sogar zweimal. Grüne Laserstrahlen am vorderen Bühnenrand dienten hier als Harfe und erzeugten durch die Unterbrechung des Lichtstrahls Töne. Spielerisch sicherlich keine herausragende Sache, machte dieses "Instrument" optisch jedoch einiges her. Aber auch wenn Jarre bei seinen Hallenkonzerten gezwungen ist die opulenten Effekte deutlich und drastisch zurückzuschrauben - von Feuerwerk braucht man in einer Halle gar nicht erst zu reden - so konnte der Sohn des mehrfachen Oscargewinners Maurice Jarre die Elemente Musik und Licht perfekt miteinander verbinden. Auch bei den Zuschauern konnte Jarre durchweg punkten. Großer Applaus und Begeisterung bei vielen Songs, wobei die Stimmung selbst natürlich völlig anders ist als bei Rockkonzerten. Mitklatschen- oder singen entfällt fast völlig, auch der Künstler selbst wirkt eher als emsiger Bühnenarbeiter denn als Performer. Aber trotzdem: Jarre zeigt sich entspannt und hat auch nach über 30 Jahren noch Spaß an seiner Musik. Sporadisch greift er zum Mikrofon und bedankt sich für den Applaus. Immer wieder kommt er hinter seinen Keyboards hervor, animiert das Publikum zum Klatschen und Aufstehen. Und die ausgestreckte Faust durfte natürlich auch hier nicht fehlen. Dass Jarre in den vergangenen 35 Jahren zeitlose Klassiker geschaffen hat und die imposante Lasershow die elektronische Musik optisch perfekt begleitet, stand schon vor Konzertbeginn nicht wirklich zur Diskussion. Die Erwartungen wurden erfüllt. Ein insgesamt starker Auftritt und ein Muss für Fans von elektronischer Musik, die nicht immer Beats, Techno oder Gesang für ein gutes Konzert brauchen.
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