Auf dem Weg nach Düsseldorf traf man die ersten Depeche Mode Fans in der S-Bahn an. Da die Rheinbahn bei Großereignissen stets zahlreiche Sonderzüge vor und nach den Events im Bereich der Esprit-Arena einsetzt, ging es zügig und ohne Gedränge in Richtung Veranstaltungsort. Menschenmassen im Eingangsbereich, Tickethändler inklusive. Trotz des großen Ansturms erfolgte die Abwicklung reibungslos. Bereits wenige Minuten nach Eintreffen befand man sich im Rundgang des Stadions.
Die eigentlich für 19:30 Uhr angesetzte Vorband "Nitzer Ebb" begann eine Viertelstunde später - und hätte es vielleicht besser ganz lassen sollen. 45 Minuten gab es eine Mischung aus Industrial Rock und elektronischen Beats. Wer hier aber noch zunächst auf ein gutes Zusammenspiel zweier Genres hoffte, hatte spätestens nach 15 Minuten den Kaffee auf. Nitzer Ebb brachten nicht viel zustande. Nach endlos erscheinenden 20 Minuten brachten die Briten den ersten und einzigen ordentlichen Song auf die Bühne, eine magere Ausbeute. Fingen die Songs in den ersten Augenblicken noch gar nicht so schlecht an - elektronische Beats für Großraumdiscos - folgte kurzerhand die äußerst melodiearme Performance des Sängers, dazu reichlich Geschepper von Schlagzeug und Synthesizer.
Das Publikum war dem langatmigen Auftritt der Vorgruppe im Großen und Ganzen nicht abgeneigt. Einige Leute auf der Tribüne standen, man bewegte sich und tanzte. Fazit: Wer mit einem Casio-Keyboard brüllend durch ein Stahlwerk läuft hat eine passable Vergleichsmöglichkeit zum Auftritt von Nitzer Ebb.
Wenige Augenblicke nachdem "Nitzer Ebb" ihren Auftritt beendet hatten ein kleiner Schockmoment: Marek Lieberberg, seines Zeichens einer der größten Promoter für Livemusik auf deutschem Boden - und natürlich auch Veranstalter der "Tour of the Universe"-Konzerte -betritt die Bühne. Was war los?
Klangen die ersten Worte von Lieberberg fast wie die Einleitung zu einer erneuten, bedauerlichen Konzertabsage im letzten Moment, entpuppte sich das Ganze schnell als Danksagung an die Fans für die gelungene und überaus erfolgreiche Versteigerung von zwölf speziell im Depeche Mode-Stil angefertigten Luxusuhren. Mehr als 600.000 Dollar kamen so für eine Organisation zur Unterstützung von krebskranken Menschen zusammen. Dazu noch ein paar kurze Worte von Vertretern des Uhrenhersteller, eine Werbespot-Einspielung von "A question of time", welche die Fans schon für das erste Jubeln nutzen. Bis zum Hauptact sollte allerdings noch eine halbe Stunde vergehen...
Kurz nach 21 Uhr ist es endlich soweit. Martin Gore, Andy Fletcher und Dave Gahan betreten zusammen mit zwei Begleitmusikern die Bühne. Die Menge jubelt, kreischt, applaudiert. Mit "In Chains" und "Wrong" beginnen die Briten, wobei letztgenannter Song hier klar besser einzustufen ist und sich auch gegenüber der bereits 2009 gehörten Live-Version aus Oberhausen deutlich abhebt. Verstärkt durch die stets guten Backing-Vocals von Martin Gore setzen Depeche Mode hier ein erstes Ausrufezeichen.Nach dem unauffälligen "Hole To Feed" begann eine Serie hervorrragender Nummern, sowohl stimmlich als auch in Bezug auf den Sound. "Walking in my shoes", "It's no good", "A Question of time" - natürlich mit dem obligatorischen Mikrofonständerwirbel von Gahan - und "World in my eyes" sorgten für gute Stimmung.
Im Vergleich zum Oberhausener Konzert 2009 wurden einige Titel der Setlist ausgetauscht - leider nicht immer zum Besten. "Insight", wie auch "Dressed in Black" im Zugabenteil, von Martin Gore gesungen sind eher Seltenheiten auf Konzerten von Depeche Mode in den letzten Jahren, fallen gegenüber den erhofften "Somebody", "A Question of Lust" oder "Waiting for the night" jedoch ganz deutlich ab. Den Massen gefiel es - und der sympathische Martin Gore machte seine Aufgabe hervorragend. Einer der Höhepunkte war sicherlich auch die Ballade "Home". Positiv fiel in Düsseldorf auf, dass man nicht bei jedem zweiten Song das Verlangen hatte, Gore die Gitarre wegzunehmen - was weniger mit den Fähigkeiten an dem Saiteninstrument zu tun hat als viel mehr mit den zu gitarrenlastigen Interpretationen der Klassiker.
Bei "Policy of Truth" startete die schon von Oberhausen her bekannte Fanaktion mit zahlreichen aufgeblasenen Luftballons im Innenraum - passend zum Videoclip auf der großen Leinwand.
Auch dieses Mal war kein Platz für "Everything Counts", "People are People" oder "Master and Servant", dafür nahmen überragende Versionen von "Enjoy the silence", dem nicht zu rockig interpretierten "Never let me down again" und "Stripped" deren Platz ein. Während die Fans bei "Enjoy the silence" enthusiastisch in den Chorus mit einstimmten, gab es das wohl schönste Bild bei "Never let me down again", als das ganze Stadion dem Takt von Gahan folgend die Arme schwenkte.
Mit dem gefeierten "Personal Jesus" klang der Abend aus. Ein Song, dessen offensichtliche Faszination mir bis heute nicht erklärbar ist.
Doch auch dieser Auftritt soll nicht von ein paar kritischen Worten verschont bleiben: Während die Setlist und Vorgruppe natürlich absolut Geschmackssache sind und nur begrenzt für gehaltvolle Diskussionen sorgen können, ist die Live-Show jedoch kaum für einen Veranstaltungsort dieser Größenordnung angemessen. Klar - die Animationen der Bandmitglieder oder auch der Tiere auf der Leinwand wurden für die abschließenden beiden Stadionkonzerte nicht verändert - aber warum die Briten auch in der Esprit-Arena mit einem schon in Oberhausen zu kurz wirkenden Steg im Innenraum vorlieb nahmen, bleibt unverständlich. Ein hervorragendes Beispiel für stadiontaugliche Shows lieferten da Coldplay im vergangenen Jahr.
Und nicht nur der kümmerliche Weg in Richtung Publikum hätte eine Bearbeitung nötig gehabt. Auch der Kontakt von Gore, Fletcher und in erster Linie Dave Gahan in Richtung Publikum hätte inniger ausfallen können, so wie man sich das beim vorletzten Konzert einer langen Tour eigentlich vorstellt. Ein paar mehr Worte hier und da sowie kleine Änderungen an der Show und Anpassung an die Größenverhältnisse - es gäbe kaum mehr etwas zu bemängeln. Und warum Fans nach knapp 120 Minuten Spielzeit (inklusive 4 Zugaben) beim Einschalten der Stadionbeleuchtung pfiffen bleibt unverständlich.
Insgesamt schafften es Depeche Mode auch bei meinem zweiten Konzertbesuch auf der "Tour of the Universe" einen guten Eindruck zu hinterlassen, der einen erwartungsfroh auf neue Konzerte hoffen lässt.
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