Sonntag, 22. November 2009

John Lees' Barclay James Harvest (22.11.2009, Weststadthalle Essen)

Der Name lässt es schon vermuten: "John Lees' Barclay James Harvest" - hier wird nicht die Originalbesetzung auf der Bühne stehen, mit John Lees und Wolly Wolstenholme aber immerhin zwei der drei kreativen Köpfe der Urformation aus den 60er und 70er Jahren. Les Holroyd ist seit einigen Jahren solo unterwegs, Drummer Mel Pritchard verstarb 2004. Die Briten hinterlassen bei mir seit einigen Jahren mit ihrem hymnischen, teils ins symphonische gehenden Rock einen bleibenden Eindruck. Besonders zahlreiche Balladen entwickeln sich zu persönlichen Evergreens. Knapp über 60 sind Lees und Wolstenholme - die Chance auf ein Wiedersehen sind auch deshalb eher gering, da der Auftritt in der Essener Weststadthalle das einzige NRW-Konzert der vergangenen Jahre war. Die knapp 34 € für einen Sitzplatz waren also Pflichtprogramm - und jeden Cent wert. Und noch viel mehr als das! Auf Grund der Vielzahl an guten Songs sowie die beeindruckenden, im Vorfeld bereits ausführlich inspizierten Youtube-Clips vergangender Auftritte waren die Erwartungen an John Lees, Wolly Wolstenholme und Band nicht unerheblich - im Gegenteil. Barclay James Harvest, eine Band, die ihre großen Erfolge von Beginn der 70er Jahre bis zum Ende der 80er Jahre konservieren konnte. Den letzten Top 10-Erfolg eines Albums in Deutschland gab es 1990. Das auch hier kaum jemand aus meiner Generation anzutreffen sein würde, war von vornherein klar. Der Weg, bis ich am Sonntagabend endlich auf meinem Platz ankam, sollte sich als etwas umständlich herausstellen. Mit der U-Bahn bis zum Berliner Platz in Essen - soweit noch alles im grünen Bereich. Nachdem ich zunächst an der richtigen Seitenstraße (die fairer Weise aber an dieser Stelle auch gut zu übersehen war) schnurstracks vorbei lief und ich mir dann nach etlichen Minuten Umhergestolpere nicht wirklich erklären konnte, warum die Straßenbeschilderung so gar nicht mit dem Google-Maps-Plan übereinstimmte. Also: Passanten fragen. Obwohl aus Essen stammend schien hier - inklusive Tankstellenkassierer - niemand eine Ahnung von der Weststadthalle zu haben. Ganz toll... Mein eingeplantes Zeitfenster ließ mir zum Glück einen ausreichenden Spielraum. Als es dann aber auch noch heftig an zu schütten begann - natürlich keinen Schirm dabei - wurde es langsam schwer ungemütlich. Ziemlich durchnässt erreichte ich in strömendem Regen die am Ende einer Seitenstraße gelegene Halle. Endlich. Wenige Minuten später öffnete sich die Türe - Einlass.

Ab ins Trockene - und es offenbarte sich zunächst ein Vorraum, kaum größer als zwei bis drei Umkleidekabinen einer Schulsporthalle. Erstmals wanderte mein Blick durch die Reihen der anwesenden Besucher. Eine handvoll Leute im Bereich der 40 Jahre, der überwiegende Rest eher im Bereich 50+ einzuordnen. 15 Minuten später öffneten sich dann die beiden Türen zur eigentlichen Halle.

Wobei die "Halle" und der Zuschauerraum sich auf sechs Stuhlreihen und ein paar Stehplätze im hinteren Bereich sowie den Seiten beschränkte. Ca. 250 Leute hatten sich eingefunden und füllten den freigegebenen Bereich gut aus.

Während es noch gut eine Viertelstunde dauern sollte, bis Jenny Weisgerber als Special Guest mit ihrer Gitarre ziemlich unspektakulär den Abend eröffnete, war ich doch ziemlich verdutzt, als ein paar Plätze neben mir ein Besucher in aller Ruhe seine Digitalkamera auspackte, auf einem Stativ platzierte und in Position brachte. Digi-Cams sind seit einiger Zeit bei den meisten Konzerten erlaubt - aber so?! Gegen 20:30 Uhr gab es dann den Schlussapplaus für die Blondine und ihren Bassisten. Nicht wirklich interessant, aber die Wartezeit verging dafür umso schneller. Mit der freundlichen Weisgerber verschwand auch das Stativ des Herren zu meiner rechten Seite. Vielleicht nur ein paar Bilder fürs Familienalbum? Oder doch für MySpace, Youtube & Co?

Zehn Minuten später - eine kleine Umbaupause, Instrumentencheck und Platzierung von Getränken und der Setlist für die Musiker - betraten John Lees (adrett gekleidet mit einer Weste - genau so (!) stellt man sich den typischen Engländer vor), Wooly Wolstenholme (locker mit Jeans und Hemd) und die drei Mann starke Band die Bühne.

Es gab natürlich keine großen Bühnenaufbauten oder Show. Auch mit Lichteffekten wurde nur sporadisch gearbeitet. Alles in ganz ganz kleinem Rahmen. Aber es störte wohl niemanden, denn was John Lees' Barclay James Harvest in den nächsten gut 105 Minunten in der Weststadthalle zeigten, war kaum zu überbieten.

Bereits bei den ersten Tönen fiel die sehr gute Akustik auf. Dazu druckvolle Sounds, keine Störgeräusche und dank der äußersten kleinen Location saß man nur wenige Meter von den Musikern entfern. Auch die Lautstärke war wohl dosiert - es klang alles in allem einfach ziemlich gut.

Als Fan der Musik von Barclay James Harvest, aber dennoch weit entfernt von einem fachkundigen Anhänger, sollte der Abend zahlreiche bislang unbekannte Songs für mich bereit halten. Den Auftakt machten allerdings altbekannte Stücke - "Nova Lepidoptera" und "Child of the Universe" - zwei der besten Werke in der langen Bandgeschichte.

Als John Lees mit der ersten Strophe begann, dachte ich zunächst an ein Playback - aber es war wirklich live! Einfach perfekt! Eine zeitlos schöne Stimme, die sich durch ebenso unsterbliche Melodien bewegte.

Die absolut perfekte gesangliche und musikalische Darbietung des 62jährigen - und auch Woolstenholme, der neben der 2. Stimme auch einige Songs an Keyboard und der Gitarre als Leadsänger präsentierte - war stimmlich kaum von den Plattenaufnahmen zu unterscheiden. Und diese lagen teils 38 Jahre zurück! Die gute Band, allen voran der Bassist (auch er durfte einen Solo-Song beisteuern) rundete das großartige Erscheinungsbild ab.

Auf der Bühne gab es insgesamt nur recht wenig Bewegung. Einige Male kam Woolly Wolstenholme hinter seinen Keyboards hervor, um mit Akustikgitarre als Leadsänger zu glänzen. John Lees Bewegungsradius beschränkte sich auf regelmäßige Blicke auf die hinter ihm auf einem Tisch liegende Setlist und den Griff zum Wasserglas bzw. Trinkpaket von Christinenbrunnen. Der fast gleichaltrige Kollege Wolstenholme nahm mit Bier vorlieb.

Die Atmosphäre zwischen den einzelnen Musikern war locker und entspannt. Für den Kontakt zum Publikum waren in erster Linie Wooly Wolstenholme sowie der Bassist zuständig. John Lees hielt sich in dieser Beziehung deutlich bedeckter.

Das perfekte Zusammenspiel, dazu ausgiebige Instrumentalparts und hymnenhafte Melodien - John Lees' Barclay James Harvest leisteten sich keinerlei Hänger. "Mockingbird", die zuvor erwähnten "Nova Lepidoptera" und "Child of the Universe", dazu "In Search of England" und "Poor Man's Moody Blues" - die mir namentlich bekannten Highlights. Und was für welche... Auch die mir gänzlich unbekannten Stücke - also etwa zwei Drittel des Sets - teils über sechs Minuten lang und durch das Orgelspiel von Woolstenholme und die immer wieder einsetzende E-Gitarre von Lees manchmal an Pink Floyd erinnernd, hinterließen einen bleibenden Eindruck. Ein besonderes Highlight war "Suicide?", erst an diesem Abend kennengelernt und bereits wenige Wochen später in meine CD-Sammlung aufgenommen.

Musikalisch sicherlich auf Augenhöhe mit den Rockgiganten von Pink Floyd, spielen John Lees, Wooly Wolstenholme und der solo tourende Les Holroyd in der heutigen Musiklandschaft leider keine Rolle mehr, wohin gegen Pink Floyd noch mühelos jedes Stadion der Welt in wenigen Minuten ausverkaufen könnten.

"Hymn" und "Loving is easy" gab es in der Zugabe - John Lees' Barclay James Harvest hielten das von Anfang an sehr hohe Niveau nahezu konstant am oberen Limit, ohne langweilig, berechnend oder vorhersehbar zu wirken. Das Publikum dankte mit "Standing Ovations".

Meine Erwartungen wurden an diesem Abend übertroffen - der Auftritt von Lees, Wolstenholme & Co. zählt mit Sicherheit zum Besten, was ich je gehört habe. Einige der schönsten Melodien aller Zeiten schenkte uns diese Band in den vergangenden 40 Jahren - und eine Vielzahl davon stammt von John Lees...

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