Samstag, 5. September 2009
U2 ("360°"-Tour, 03.08.2009, Gelsenkirchen)
Nachdem ich bei Ebay ein eigentlich doch eher verhasstes Stehplatz-Ticket für U2 in der Veltins-Arena Gelsenkirchen mit der Motivation erstanden hatte, eine der größten Rockbands aller Zeiten mit einer energiegeladenen, gigantischen Bühnenshow zu erleben, stieg das Interesse kurz vor der Veranstaltung mit den teils euphorischen Berichten über andere Auftritte in Europe zunehmend an.
Anfänglich noch mit etwas Zweifel, weil der Kartenkauf der positiven Stimmung des - kurz zuvor gelesenen - Buches "U2 by U2" entstammte und ich zwar das ein oder andere Album der Iren besitze, jedoch weit weg von einem Anhänger oder richtigen Fan der Musik der Gruppe war. Ein paar nette Songs, nicht unsympathisch - aber nicht mehr. Eine Tatsache, die einen völlig unbelastet in das Konzert gehen lässt. Die Enttäuschung fehlender Lieblingslieder? Äußerst unwahrscheinlich - man kennt sowieso nicht viel. Das sollte sich ändern, spätestens in den mit U2-Plattenkäufen folgenden Wochen. Die Erwartungen waren groß - zumindest was die Show betraf.
Obwohl ich geschätze vier Stunden bevor U2 ihre Show eröffneten den Bereich der Gelsenkirchener Veltins-Arena betrat (zuvor gab es in einer überfüllten Straßenbahn natürlich die erwarteten Witze über Schweinegrippe und eine kleine amüsante Gruppe von Fans, die sich lautstark unterhielt und für den ein oder anderen Lacher in der Bahn sorgte), gab es bereits Kilometer lange Schlangen von Menschen in alle Richtungen - zum Glück alles Inhaber von Innenraumkarten. Somit ging es zügig daran vorbei in Richtung Eingangskontrolle und ins zunächst spärlich besetzte Stadion.
Der obligatorische Gang zum Merchandising-Stand und meine nahezu gegen Null tendierenden Ausgaben in diesem bereich konnten auch U2 mit diversen Fanartikeln nicht ändern. Zugegebener Maßen fand sich zwar das ein oder andere passable Exemplar im Bereich der T-Shirts wieder, bei Preisen von mehr als 30 Euro kann man als "Nicht-Fan" aber ruhigen Gewissens ohne einen Kauf von Dannen ziehen.
Mein frei wählbarer Platz in einem der wenigen Stehplatzblöcke auf der Tribüne erwies sich zumindest bist 40 Minuten vor Showbeginn als Rücken schonender Stufensitzplatz, bevor die Zuschauermenge unaufhörlich wuchs und ihren Platz einforderte. Genau gegenüber der Bühne stehend gab es eine absolut zufriedenstellende Sicht auf das Geschehen auf den Rängen, im Innenraum und natürlich der Bühne und Videowand.
Aber zunächst sorgte noch die Vorgruppe "Snow Patrol" ab halb acht mit einem 45-minütigen Auftritt und Songs, wie "Run", "Shut your Eyes" und natürlich "Chasing Cars" für eine gute Stimmung im bereits mit geschätzten 50.000 Fans gefüllten Stadion. Keine nennenswerte Bühnen- oder Lightshow - aber ein ganz starker Live-Auftritt mit druckvollem Spiel und überzeugendem Gesang. Eine Gruppe, die sich als definitiv lohnender Solo-Act für kommende Konzertbesuche empfehlen konnte. Dann kamen U2...
... und ließen bei ihrem 120-Minuten-Auftritt bei geschlossenem Dach vor 74.000 begeisterten Fans nie einen Zweifel aufkommen, dass sie zu den größten Rockstars der Welt gehören. Wohl niemand bringt derzeit eine solch eindrucksvolle Show auf die Konzertbühnen.
Von Beginn an herrschte euphorische Stimmung, jeder Song - von den Klassikern "Pride", "The Unforgettable Fire" oder "With or Without You" über "One" und "Ultra Violet" bis hin zu "Magificient" und "Get on your boots" - wurde frenetisch bejubelt und lautstark mitgesungen.
U2 präsentierten mit einem glänzend aufspielenden The Edge einen druckvollen und in fast jeder Hinsicht makellosen Live-Sound, der die mir bekannten Versionen der Songs aus Radio, TV und einer handvoll Alben deutlich in den Schatten stellte. Hier wirkten auch Stücke, die vorher nicht unbedingt hinter dem Ofen hervorlocken konnten, teilweise sogar völlig unbekannt waren, einfach gut. Vielfach natürlich beeinflusst durch die tolle Atmosphäre und Live-Show.
Das 22 Songs umfassende Programm ließ bei eingefleischten Fans sicherlich Spielraum für mehr Material aus der Anfangszeit, doch an altbewährten Hits ließen U2 keinen Mangel aufkommen.
Was der Gelegenheitshörer kennt wurde gespielt. "New Year's Day" und "Electrical Storm" hätten weitere Glanzlichter setzen können, blieben aber bei der ansonsten guten Setlist außen vor.
Mit der Bühnenkonstruktion - hier auf Grund des deckenmontierten Videowürfels (scheinbar nicht kurzfristig entfernbar gewesen) der Arena nicht inmitten des Stadions platziert - erreichten die Iren Dimensionen, die man nur aus Aufzeichnungen der "Zoo TV" und "PopMart"-Tourneen sowie den Aufnahmen der überragenden "Division-Bell"-Tour von Pink Floyd aus den 90er Jahren kennt. Gigantisch, eindrucksvoll und definitv ein Highlight.
Die von allen Seiten gut einsehbare 360° Bühne mit einer enormen Projektionsfläche oberhalb der begehbaren Bühne für Großbilder der Protagonisten, Fans, Einspieler oder Farbenspiele, wurde von Bono, Edge, Larry Mullen und Adam Clayton für diverse Ausflüge über die Rundstege in Richtung Fans genutzt. Die auf vier Trägern basierende Konstruktion - in optischer Anlehnung an eine Spinne - sorgte mit der Lichtshow stets für bemerkenswerte Effekte. Die als "The Claw" bekannte Bühne wartet mit einer maximalen Höhe von 51 Metern und Abmessungen von 48 x 48 Metern in der Breite auf - und das alles bei einem Gesamtgewicht von weit über 200 Tonnen.
Das obligatorische politische Statement - eine Tatsache, die bei Bono immer wieder gerne kritisiert wird, einen Konzertbesucher von U2 jedoch in keiner Weise überraschen noch wirklich abschrecken dürfte und sich absolut angemessen im Rahmen hielt, kam hier in Form eines Aufmarsches Jugendlicher mit einem Bild von Aung San Suu Kyi, einer Friedensnobelpreisträgering aus dem ehemaligen Birma, welche sich für die Demokratisierung in ihrem Heimatland einsetzt und dort seit Jahren unter Hausarrest steht.
Ein kurzer Einspieler mit einer Ansprache von Erzbischof und ebenfalls Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu diente als Übergang zu einem der Highlights des Abends: "One". Das von Bono animierte Publikum schuf bei vollständig verdunkelter Arena mit Handys, Feuerzeugen, Wunderkerzen und (nicht verbotenen) Digitalkameras ein wunderschönes Lichtermeer.
Gegen Ende setzten sich die vier Iren mit "Ultra Violet", eine der drei Zugaben, auf einer fast vollkommen verdunkelten Bühne gekonnt in Szene. Lediglich die Anzüge der Bandmitglieder waren mit roten Lchtern versehen und schufen zusammen mit dem Kunstnebel eine Science-Fiction-Atmosphäre.
Mit "With or Without You" ging es für mich dann hinaus in die Nacht in Richtung Heimat. Den letzten Song des Abends, "Moment of Surrender", bekam ich nicht mehr mit - aber der Zugfahrplan ist nun mal nicht zu ändern.
Während die Hinfahrt mit Bus & Bahn problemlos verlief, gestaltete sich der Rückweg (trotz des Verlassens der Arena vor dem letzten Song - dank Youtube aber zu Hause am PC nachgeholt) - als weitaus problematischer. Verspätete Züge machten es unmöglich, die entsprechenden Anschlussverbindungen zu erreichen. Einige Fans hatten sich nicht zu Unrecht beim Bahnpersonal auf den entsprechenden Bahnsteigen beschwert. So gegen 2 Uhr nachts war dieser Abend dann aber auch für mich zu Ende und brachte neben einem leichten Pfeifen auf den Ohren auch eine kleine Vorfreude auf kommende U2-Alben, welche die heimische CD-Sammlung ergänzen sollten. Bald...
Und was bleibt? Eine Band, die aus einem breitgefächerten, jedoch meist nur eher mittelmäßigen Repertoire eine mitreißende Live-Show auf die Beine stellen kann, mit Effekten und Atmosphäre sowie starkem Sound Defizite wett macht und auch mit einer im Vergleich zu anderen Künstlern überschaubaren Menge an Highlights die Massen für zwei Stunden ohne Probleme begeistern kann. Auch mit etwas Abstand wird man die Show immer als herausragend in Erinnerung behalten - der "U2-Alltag" mit Alben, wie "Achtung Baby" oder "Zooropa" bleibt dagegen eher grau. Jedenfalls noch...
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